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Er war dabei, als Berlin im Krieg in Schutt und Asche versank, als Ulbricht eine Mauer baute, die Tausende Ost Berliner Schneider nicht mehr in die letzten großen Ateliers im Westteil der Stadt zur Arbeit kommen ließ und Berlins Modebranche dem Untergang nahebrachte. Viele Ateliers gingen nach München oder Düsseldorf. Volkmar Arnulf hielt der halben Stadt die Treue. Er hatte in den fünfziger Jahren im Maßgeschäft der Grockels gelernt, einem der ersten Häuser am Platz. Dort lernte er noch die alten Meisterschneider kennen, die schon zu Kaisers Zeiten im Geschäft waren und die dreißiger und vierziger Jahre überlebt hatten. Ich hatte Glück, von ihnen ein Repertoire an Techniken lernen zu dürfen, die eigentlich schon mit Ende des Ersten Weltkriegs untergegangen waren.“

Es war nicht alles golden in den Zwanzigern“

Er lernte die Tricks und Kniffe, die aus einem Maßanzug ein Meisterwerk machen, vom Zuschneiden bis zum Nähen, vom Dressieren bis zum Pikieren. Wie man Körpermaße als detailreiche Schnittmuster erst auf Packpapier und dann auf den Stoff bringt; wie man eine Jacke baut und eine Hose konstruiert; wie man eine Schulterpartie so näht, dass sie sich wie ein kleiner Kuppelbau sanft um den Körper schmiegt; wie man einen Anzug in Hochform plättet und den Futterstoff so einsetzt, dass er dem Oberstoff dauerhaft Halt gibt.

Berlin war einst Modehauptstadt, in die Zehntausende Schneider aus Osteuropa und international arbeitende Maßschneidereien wie Knize aus Wien, Jureit aus Frankfurt, Anderson aus London kamen. Sie statteten die Stars der aufstrebenden Filmindustrie in Babelsberg, der florierenden Berliner Industrie, der Politik und Diplomatie aus. Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt“, sagt Arnulf. Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit. Hier war was in Bewegung, Stile wurden neu definiert, alte Techniken gingen mit einer neuen Formsprache einher, der Sport hielt Einzug.“

Konfektion kam in die großen Warenhäuser Wertheim, Gerson oder Jonaß. Der Anzug wurde demokratisiert. Maßarbeit zielte auf Eliten. Einst eng geschnittene Anzüge aus der Kaiserzeit wurden weiter, versehen mit Falzen,Einschlägen, Aufschlägen, Rollfalten. Heute ist der Anzug eine Mischung aus englischem und italienischem Stilverständnis“, sagt Arnulf. Aber eigentlich liegt ihm eine sehr deutsche Komponente zu Grunde.“ Er ist tief in die Archive gestiegen, um das Geheimnis zu bergen, und fand es in alten Zuschnittsystemen aus dem 19. Jahrhundert, von Bernhardt und Klemm aus Dresden, Maurer aus Berlin, Lutz aus Stuttgart und Müller aus München.

Einen echten Klemm Schnitt hat er gerahmt in seiner Werkstatt hängen, die anatomischen Studien eines Schneidermeisters. Sein eigenes System verfeinerte er immer weiter. Mit Nadel und Faden machte er seinen Namen zur Marke. Volkmar Arnulf ist ein aufmerksamer Beobachter. Das muss ich in meinem Metier sein, denn Mode wird vom Geschmack der Zeit getragen, und den kann man nur begleiten und bestenfalls kultivieren“, sagt er. Ein Schneider muss probieren, kopieren, entwickeln, und dann muss er auch noch Gespür für den Kunden haben: Was will er? Was braucht er? Was steht ihm?“ Fragen über Fragen. Jeder Tag hat seine eigenen Antworten. Arnulf kennt sie alle.
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